Politisches Selbstverständnis

Das Kollektiv
 Das Café Fatsch gibt es seit September 2013.
Seit Ende 2012 besteht unser Kollektiv, mit dem wir das Café und seine Struktur geplant, das Fatsch eröffnet haben und es nun organisieren.

Es war für uns von Anfang an klar, dass wir nur als Kollektiv in diesem Caféprojekt arbeiten wollen. Was wir damit meinen?

Kurz gesagt: es gibt keine*n Chef*in.

Lang gesagt: Alle haben gleiches „Stimmrecht“. Doch abgestimmt wird nicht. Wir treffen alle Entscheidungen im Konsens. Das heißt, alle mussten z.B. einverstanden sein in welcher Farbe wir streichen und wo welche Möbel stehen werden. Heute diskutieren wir über Organisatorisches, z.B. welche Veranstaltungen wir im Café haben wollen, welche Getränke wir für das Café bestellen oder wie wir mit Geld umgehen. Wenn sich eine*r mit einer Entscheidung nicht wohl fühlt, dann finden wir eben eine andere. Im Zweifelsfall dauern Entscheidungsfindungen so länger und manchmal müssen kreative Kompromisslösungen her. Der Mehrwert ist für uns aber klar: Keine*r muss alleine große Entscheidungen treffen, keine*r ist allein mit Verantwortung. Wir haben als Gruppe viel mehr Ideen und Fähigkeiten als wenn nur ein Mensch das Fatsch „leiten“ würde. Wir haben den Anspruch Hierarchien abzubauen, die in der Gesellschaft an der Tagesordnung sind: „Der Chef gibt den Ton an und das Servicepersonal folgt.“ Unser Anspruch ist es, einen Gegenentwurf zu klassischen Arbeitsverhältnissen zu schaffen und existierende, wie z.B. zapatistische Kaffeeproduzent*innen, zu unterstützen.

In den letzten drei Jahren hat sich aber auch einiges in unserer kollektiven Struktur geändert. Zu Beginn hatten wir an vier Tagen in der Woche geöffnet und haben alle umsonst im Café gearbeitet. Inzwischen hat sich der Plan verwirklicht, dass manche von uns mit dem Caféprojekt Geld verdienen können. Deshalb haben wir seit September 2015 an sechs Tagen in der Woche geöffnet. Dienstags bis Freitags gibt es unter dem Namen „Eetcafé“ ein erweitertes Angebot an herzhaftem Essen. An diesen Tagen arbeiten Menschen im Fatsch, die Lohn dafür bekommen. Am Wochenende arbeiten Menschen im Café, die nichts damit verdienen. Das herzhafte Angebot ist samstags und sonntags eingeschränkt, meist gibt es eine Suppe.

 

Abgesehen vom Kollektiv gibt es viele liebe Menschen, die mit uns zusammen im und am Caféprojekt arbeiten. Ohne Hilfe in der Küche, beim Putzen, bei der Orga oder hinter der Theke wäre unser Projekt nicht möglich. Wir sehen uns auch nicht als geschlossen Gruppe, sondern sind offen dafür im Kollektiv zu wachsen.

Das Projekt könnte nicht gestemmt werden, wenn wir nicht auch befreundet wären. Wir sind uns gegenseitig auch emotionale Stütze. Der soziale Aspekt wiegt für uns mehr als der professionalisierte Teil der Arbeit, der nur gut funktioniert, wenn wir ein gutes Gefühl zu uns und zur Gruppe haben.

Kalk als Standort
 Auf die Frage wieso wir ein Café in Kalk eröffnet haben, können wir nur antworten: Wir leben in Kalk und fühlen uns hier wohl. Ein Café, in das wir gehen wollen, gab es bisher nicht und deshalb hatten wir Lust, selbst so ein Café zu werden.

 Kalk befindet sich im Wandel. Das wissen alle, die hier leben oder sich viel hier bewegen. Die sogenannte „Aufwertung“ des Stadtteils Kalk bewirkt, dass z.B. Mieten teurer werden. Die Menschen, die sich diese Mieten nicht leisten können, werden aus dem Stadtteil verdrängt und er soll schicker und attraktiver für die weiße Mittel- und Oberschicht werden. Wir können nicht abstreiten mit unserem Projekt durchaus zu diesem kritischen Prozess beizutragen, denn wir entspringen selbst dieser weißen Mittelschicht.

Wir werden somit immer wieder mit der Widersprüchlichkeit unseres Café-Projektes konfrontiert: Auf der einen Seite einen linkspolitischen Raum für viele verschiedene Menschen und deren Ideen zu schaffen, keine überteuerten Produkte anbieten zu können und Vernetzung mit vielen verschiedenen Gruppen in Kalk in Angriff zu nehmen. Auf der anderen Seite die Logik des Kapitalismus mit Miete, Gewinn, Umsatz, Schulden und die Frage, woher die Zeit für intensive Vernetzungsarbeit und inhaltliche Auseinandersetzung kommen soll. Denn wenn wir ehrlich sind, können wir dem nicht gerecht werden. Unser Café-Projekt ist, neben anderer politischer Arbeit, Lohnarbeit sowie Freundschaften in unserer Freizeit entstanden und so wird es bei den meisten auch bleiben.

Eine Auflösung dieses Widerspruchs zwischen politischem Idealismus und kapitalistischer Realität gibt es nicht und somit auch kein Patentrezept. Wir wollen versuchen die Veränderungen in Kalk zu nutzen, um das Café nicht nur für weiße, hetero, körperlich unversehrte (leider haben wir keine barrierefreien Toiletten…), Mittelschichtakademiker_innen, wie wir es zum Großteil sind, gemütlich, einladend und interessant zu machen. Auch nicht-heteronormativen, nicht weißen Themen soll (durch Lektüre, Filmvorführungen, Diskussionen,…) Raum gegeben werden.

Auch in diesen Punkten sind wir nicht perfekt. Zeit und Kapazitäten fehlen uns, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Wenn euch Inhalte fehlen und/oder ihr eure Ideen umsetzen wollt, sprecht uns an! Unser Café soll kein ausschließender Raum sein. Wir sind uns aber darüber im Klaren, dass unsere recht homogene Gruppenzusammensetzung andere Perspektiven außen vor lässt und wünschen uns Input, Kritik und eine aktive Auseinandersetzung!

 Veganes Essen
 Im Café Fatsch gibt es rein veganes Essen. Wir haben uns aus verschiedenen Gründen dafür entschieden. Einige von uns leben vegan, andere nicht. Wir alle kommen aus außerparlamentarischen (;-))linken Strukturen, in denen veganes Essen meist der „kleinste gemeinsame Nenner“ ist, damit alle mitessen können.

 

Wir als Kollektiv verbinden bestimmt Verschiedenes mit Veganismus und für jede*n von uns spielt Veganismus eine verschieden wichtige Rolle. Aber wir wollen zeigen, dass eine rein pflanzliche Ernährung leicht möglich ist, sehr lecker sein kann und vielleicht noch nicht einmal bemerkt wird.

 

Unser politisches Selbstverständnis beinhaltet ein für uns wichtiges Argument: Hierarchien mit ausbeuterischen Verhältnissen so weit wie möglich abschaffen bzw. nicht unterstützen zu wollen. Diese Ausbeutung hört nicht unbedingt bei Menschen auf. In unserer Gesellschaft werden Tiere in Gefangenschaft gehalten, um sich von unbefruchteten Eiern, Muttermilch und dem Fleisch derer, deren Leben der Industrie keinen Nutzen mehr bringt, zu ernähren oder ihre Haut, Knochen und Felle zu nutzen. Das wird selten hinterfragt.

 

Dies ist nur einer von vielen Aspekten. Im Bücherschrank in unserem Café könnt ihr – neben Büchern zu anderen Themen – auch verschiedene Bücher über Veganismus finden.
Vegan lebende Menschen machen das Vegan-Sein oft zu einer reinen (teilweise luxuriösen) Lebensstilfrage, was am momentanen Medienhype leicht zu erkennen ist. Wir wollen kein Ort sein an dem nur vegan konsumiert wird, ohne die oben genannten Aspekte zu erwähnen. Wir wollen nicht nur auf das Vegane reduziert werden. Wir sind ein linkspolitisches Café-Projekt und die Tatsache, dass es bei uns rein pflanzliche Lebensmittel gibt, ist nur ein Aspekt von vielen!
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